Zur Erinnerung an Friedrich Hölderlin
Zwischen Ode und Wahnsinn
In Anbetracht der Tatsache, dass das dichterische Werk des am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geborenen Johann Christian Friedrich Hölderlin einen großen Einfluss auf nach ihm kommende Lyriker – wie Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Stefan George, Georg Heym – ausüben sollte, mutet es seltsam an, dass Hölderlin außerhalb der literarischen Kreise zu seiner Zeit kaum bekannt war. Möglicherweise lag der damalige Mangel an Popularität in der Besonderheit seines Werkes und seiner Auffassungen begründet, die sich nicht in die gängigen Schubladen einordnen ließen. Hölderlins dichterisches Werk nimmt eine Sonderstellung neben den stilbildenden literarischen Strömungen der Epoche – der Romantik und der Weimarer Klassik - ein. Ungewöhnlich sind nicht nur der hymnische Stil seiner Dichtung und die lyrische Beschäftigung mit antiken Formen wie der Ode oder der Elegie; auch seine Ansichten in Bezug auf die altgriechische Kultur entsprachen nicht dem idealistischen Griechenlandbild seiner Zeit. Zunehmende Berühmtheit und eine wachsende Leserschaft wurde dem Sohn eines Klosterpflegers und einer Pfarrerstochter erst Anfang des 20. Jahrhunderts zuteil, entdeckt wurde seine (zum Teil fragmentarisch gebliebene) Dichtung unter anderem von Stefan George. Zu seinen Lebzeiten indes konnte Hölderlin nicht von seiner Dichtung leben, im Gegenteil: Er bemühte sich mitunter vergeblich, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Bekanntschaft mit Goethe und Schiller
Geldprobleme plagten den Dichter fast sein ganzes Leben lang. Nachdem er ein nur widerwillig aufgenommenes Theologie-Studium in Tübingen, zu dem ihn seine Mutter gedrängt hatte, abgebrochen hatte, schlug er sich ab 1793 als Hauslehrer durch. 1794 besuchte er die Universität Jena, um Vorlesungen des Philosophen Johann Gottlieb Fichte zu hören. Dort lernte er nicht nur Fichte selbst, sondern auch Goethe und Schiller kennen. Auch die Bekanntschaft seines Freundes Isaac von Sinclair, der ihm später eine Bibliotheksstelle zur materiellen Unterstützung besorgte, lernte er in diesem Zeitraum kennen.
1796 trat Hölderlin eine Hauslehrerstelle bei dem Frankfurter Bankier Jakob Gontard an und verliebte sich in dessen Frau Susette, die seine große Liebe werden sollte. Susette Gontard gilt auch als Modell für die Figur der Diotima in seinem berühmten Briefroman "Hyperion". Als Gontard von der Beziehung zwischen Hölderlin und seiner Ehefrau erfuhr, musste der Dichter seinen Posten im Haus von Gontard aufgeben. Der mittellose Hölderlin flüchtete nach Homburg zu seinem Freund Isaac von Sinclair und obwohl ihm Schiller beim Veröffentlichen seiner Gedichte behilflich war, war Hölderlin auf die finanzielle Unterstützung durch seine Mutter angewiesen. Literarisch beschäftigte den Dichter die Abfassung des Dramas "Der Tod des Empedokles", der Text kam allerdings nicht über das Fragment-Stadium hinaus und wurde zu Hölderlins Lebzeiten auch publiziert.
Um 1801/02 verschlechterte sich Hölderlins gesundheitlicher Zustand zusehends, er litt unter hypochondrischen Anfällen und nach weiteren erfolglosen Versuchen, sich durch die Arbeit als Hauslehrer ein Einkommen zu erwirtschaften, kehrte er schließlich entkräftet und geistig verwirrt zu seiner Mutter nach Nürtingen zurück.
Hölderlins berühmtestes Gedicht entsteht
Zerrüttet durch die Nachricht von Susette Gontards frühem Tod, stürzte sich Hölderlin in die Arbeit, er übersetzte antike Autoren wie Sophokles und Pindar und ausgehend von ihrem Vorbild konzipierte er seine eigenen Hymnen. Bis 1805 schrieb Hölderlin den Gesang "Patmos", der eigentlich als Teil eines größer angelegten Zyklus "Vaterländischer Gesänge" gedacht war, außerdem die "Nachtgesänge" und sein wohl berühmtestes Gedicht – "Hälfte des Lebens".
Im September 1806 war es dann um Hölderlins geistige Gesundheit so schlecht bestellt, dass er gewaltsam von Homburg in das Tübinger Universitätsklinikum eingewiesen wurde. Die Diagnose: Sein Wahnsinn sei inzwischen in "Raserei" übergegangen. 1807 wurde er aus dem Krankenhaus entlassen und kam zur Pflege im Haushalt des Tischlermeisters Ernst Zimmer unter, einem glühenden Verehrer seiner literarischen Werke. Die restlichen 36 Jahre seines Lebens verbrachte der Dichter im so genannten "Hölderlinturm", einer Turmstube im Hause der Familie Zimmer und verfasste unter anderem den Prosatext "In lieblicher Bläue" und verschiedene gereimte Gedichte. 1843 wurde Friedrich Hölderlin auf dem Tübinger Stadtfriedhof beigesetzt.
Von Frauke Lengermann
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